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La Communauté de Taizé

Hatten sie auch schon Zeiten in ihrem Leben, in denen sie wochenlang wie ein Roboter in den Alltag hinein lebten, ohne sich der Gegenwart Gottes bewusst zu sein, ohne zu beten oder über ihren Glauben nachzudenken? Ich selbst befand mich vor einiger Zeit in einem solchen Vakuum des Gemütes. Um neue Energie für meinen Glauben zu erlangen (und aus einem nicht unwesentlichen Teil Neugier), begab ich mich also mit einer Gruppe Jugendlicher, gemischt aus Leuten aus Rohr und Stein, die gesamte letzte Woche nach Taizé. Das ist ein für seinen großen internationalen Jugendtreff bekanntes französisches Kloster, das mir durch die Erzählung anderer Jugendlicher aus der Kirchengemeinde Rohr bereits bekannt war. In diesen teilweise sehr zweifelhaft klingenden Schwärmereien war die Standardphrase „…du musst da hin, um zu verstehen, wieso es so gut ist...“ äußerst auffällig, worauf auch ich noch zu sprechen kommen muss. Denn: Man muss tatsächlich selbst nach Taizé, um zu verstehen, wieso es so gut ist.

Die zehnstündige Busfahrt vergeht wie im Flug und auch das Aufstellen der Zelte nach der Begrüßung und der Zuweisung des Zeltplatzes ist schnell vollbracht, nachdem wir unser Hab und Gut einmal quer über das Gelände bugsiert haben ... Ein Tipp für alle, die ebenfalls einmal nach Taizé möchten: für das Gepäck bequem tragbare Taschen oder Koffer mit Rollen zu verwenden, wäre eine sehr weise Entscheidung. Nachdem wir uns häuslich eingerichtet haben und das Abendessen zu uns nehmen, merke ich, was mich die ganze Woche hindurch begleiten wird: ein vorwurfsvolles und unzufriedenes Grummeln aus meinem Bauch. Ich danke Gott, dass ich der einzige männliche Teilnehmer meiner Gruppe war und deshalb meist durch meine Funktion als Restevertilger satt werden konnte. Abends sind die meisten temporären Bewohner Taizés zusammen am Oyak, dem Klosterkiosk, versammelt. Lieder werden gespielt und gesungen, und Spiele von überall auf der Welt werden einander beigebracht. Ich gönne mir in aller Seligkeit den ersten Kaffee des Tages, den man hier durch einen Automaten erwerben kann. Praise the Lord! Nach Auflösung der Gesellschaft kocht mich die abendliche Dusche wie ein Frühstücksei. Wenigstens ist das Wasser nicht zu kalt. […]

Der erste richtige Tag beginnt. Ich bin gespannt auf die berühmten Taizé-Gottesdienste, bei denen tausende Menschen in der großen Kirche auf dem Boden sitzen. Wenige Minuten nach Beginn des Morgengebets wandelt sich die Spannung zu Angst und ich frage mich, wie mein Rücken diese Woche überstehen soll. Im Laufe der Woche werde ich auf der Suche nach der bequemsten Position die repetitiven Lieder mit dem Knirschen meiner Wirbelsäule einige Male deutlich übertönen. Tatsächlich gibt es eine bequeme Position, die ich mir bei einer Mitreisenden abgeschaut habe: man muss sich auf den Boden knien und den Kopf nach vorne auf seine Tasche, Jacke oder etwas anderes legen.

Wenn das nur alle Leute in Taizé wüssten… Die Bibeleinheiten werden von den Brüdern des Klosters moderiert, die Gesprächsgruppen sind nach Sprachen geordnet. Ich bin in einer englischsprachigen Gruppe mit vielen meiner Rohrer Mitreisenden und lerne hier auch die ersten Leute aus anderen Ländern kennen. Jeden Tag unterhält man sich über einen neuen Bibeltext, der auch in der Lesung des Gottesdienstes Thema ist. Nach der Bibelstunde folgen der Mittagsgottesdienst und das Mittagessen. Die Zeit ist noch relativ langgezogen, ich kenne mich noch nicht zu 100 Prozent aus, aber finde mich relativ bald zurecht.

Nach dem ersten Tag vergeht die Zeit in exponentiell ansteigendem Tempo. Es beginnt, einem zu gefallen, in Taizé zu sein, trotz mancher unschöner Gegebenheiten. Nahtlos schmiegen sich die Gebetszeiten, Mahlzeiten und Bibelstunden aneinander, die freien Stunden verbringt man miteinander in der Sonne liegend, singend und redend. Man lernt neue Menschen kennen, aus Schweden, Spanien, Deutschland, Frankreich, der Schweiz und noch anderen Ländern. Man lacht sehr viel. Irgendwann zählt man nicht mehr, wie oft man welches Spiel schon mit welchen Leuten gespielt hat oder wie oft man ein Lied im Gottesdienst schon gesungen. Es geht einem alles in Fleisch und Blut über, jedoch ganz anders als im alltäglichen Leben. Ja, man hat seine Konstanten, die das Rückgrat der Woche bilden, jedoch sind die Antriebsfedern der Woche in Taizé ganz klar die Kontakte mit so vielen Gläubigen von überall auf der Welt; sowohl die tiefgründigen Diskussionen über Glauben als auch das banale Geschnatter in der Essensschlange. Man lebt in einer riesigen Gemeinschaft zwischen und mit Tausenden auf eine nahe und liebevolle Art und Weise, wie man es selten oder nie im Alltag hat. Man fühlt sich aufgehoben, wie in Gottes Hand. Das ist, was mich an Taizé begeistert hat. Wer es nicht glaubt, soll es selbst probieren und wem es so geht, wie mir noch vor einiger Zeit, soll erst recht. Wie sagt es schon ein Gesang aus Taizé so schön: Il Signore ti ristora – der Herr gibt dir neue Kraft.

01.09.2014 15:01 Kategorie: Ev. Landjugend